In Ankara treffen sich in dieser Woche die 32 Staats- und Regierungschefs der NATO. Der Kanzler hofft auf einen "Geist von Ankara", der amerikanische Präsident stellt bei der Ankunft eine andere Frage: Warum Amerika Hunderte Milliarden für Verbündete ausgebe, die im Iran-Krieg nicht an seiner Seite standen. In der Nacht davor meldete Russland den größten ukrainischen Drohnenangriff auf Moskau seit zwei Jahren. Die Debatte läuft seitdem als Personenstück: der erpresserische Trump, die undankbaren Europäer. Beide Lesarten verhandeln Charakter. Es geht aber um Statik: um ein Tragwerk, dessen tragende Annahme gerade öffentlich zur Verhandlung steht.

01 · Die Last

Die Last ist schnell benannt und schwer zu bestreiten: die Sicherheit Europas gegen eine Nuklearmacht, die seit viereinhalb Jahren in Europa Krieg führt und nach den Worten des Kanzlers jeden Tag die Entschlossenheit des Bündnisses testet.

Was diese Last wiegt, zeigen die Zahlen des Gipfels selbst. Die Ukraine soll eine Zusage über 140 Milliarden Euro für zwei Jahre bekommen. Die europäischen Staaten und Kanada haben ihre klassischen Verteidigungsausgaben binnen eines Jahres um fast ein Fünftel erhöht, zusammen 258 Milliarden Dollar zusätzlich in zwei Jahren. Deutschland steuert auf 3,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung zu. Das ist die messbare Seite.

Die eigentliche Last liegt darunter, und sie steht in keinem Kommuniqué. Abschreckung gegen eine Nuklearmacht kann derzeit kein europäischer Staat allein tragen und auch nicht alle zusammen. Die Fähigkeiten, die im Ernstfall zählen, liegen zum großen Teil bei den Vereinigten Staaten: die Aufklärung, die Führungssysteme, die Reichweite, am Ende der nukleare Schirm. Europas Sicherheit ruht auf einer Zusage, die Europa nicht selbst ersetzen kann. Noch nicht.

Das ist die Last, von aller Empörung befreit: Ein Kontinent hat das Tragen seiner schwersten Last einem anderen anvertraut, und dieser andere fragt jetzt laut, was ihm das Tragen wert ist. Wer über diesen Gipfel streiten will, muss über diesen Satz nicht streiten.